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Eine Sammlung meiner wirren Gedanken

Sonntag, Oktober 07, 2007

Im Dutzend billiger!

Ob so etwas wohl auch auf den Werbeplakaten – oder viel mehr bemalten Pappkartons – auf Afrikas berüchtigtster Straße steht?

Als Flaniermeile kann man sie nun wahrlich nicht bezeichnen, aber trotzdem reiht sich hier Geschäft an Geschäft. Die Sonne brennt heiß auf den staubigen Weg, durch das belebte Treiben über ihm wird Sand aufgewirbelt. Asphalt gibt es hier nicht. Wir treffen auf einen Mann, Mitte 30, ungewöhnlich gut genährt, der uns durch seine Werkstatt führt. Stolz erzählt er, wie gut sein Geschäft läuft. Im ersten Moment klingt das toll, denn Malawi ist eines der ärmsten Länder der Welt – sein Prokopfeinkommen beträgt unter einem US-Dollar pro Tag. Hochgerechnet auf ein Jahr sind das nicht einmal 260 Euro . Er zeigt uns verschiedene Modelle, von teuer mit vielen Stufen – damit man Gott näher ist – bis schlicht und günstig. Er versucht sein Lächeln zu verbergen – mit mäßigem Erfolg. „An Tagen wie diesen verkaufe ich einen, maximal zwei. In der Regenzeit sind es mehr, bis zu fünf täglich!“

Nein, er ist kein gewöhnlicher Verkäufer und er handelt auch nicht etwa mit Designer-Regenschirmen. Er verkauft Särge und sein Geschäft ist der Tod. Je mehr Menschen sterben, umso besser sein Umsatz. Noch immer fällt mir sein glücklicher Blick auf, während er versucht ernst zu wirken. „Die meisten sterben hier an Aids!“, erzählt er uns und tatsächlich liegt die Rate der HIV-positiv getesteten Menschen mittlerweile zwischen 30-55%. Die Realität lässt noch Schlimmeres erahnen, denn in den Krankenhäusern Malawis fehlt es bereits an dem Nötigsten, da sind Bluttests rarer Luxus. Doch das größte Problem ist wohl die fehlende Aufklärung und die zahlreichen Irrglauben, die HIV wie ein Märchen verharmlosen.

Malawi hat einen hohen Anteil an Landbevölkerung und auch Mobilität ist Luxus. Für viele, die krank in die Hauptstadt Lilongwe kommen, endet die Reise in der „Sargstraße“, die nicht von ungefähr ihren Namen trägt. Am Ende dieser Straße steht ein Krankenhaus. Eines der vielen unterversorgten Krankenhäuser der Dritten Welt, in dessen Fluren es nach einer Mischung aus Krankheit, Schweiß und mitgebrachten Essensdämpfen riecht. Natürlich ist das Personal überfordert. Ein Arzt auf tausende Menschen und jeder Kontakt, eine Gefahr sich selbst zu infizieren. Blutspenden von aufgetriebenen Verwandten und Selbstversorgung stehen auf der Tagesordnung. Da fragt niemand nach Aids.

Wie eine Verhöhnung der Menschenrechte scheint es da, dass gleich neben dem Krankenhaus eine Forschungsstation, hochklimatisiert, höchstgeradig steril, ja einfach mal wesentlich besser versorgt seien soll. Sie forschen an Aids-Kranken, Menschen, die noch nicht der Sargstraße zum Opfer gefallen sind, aber quasi schon mit einem Bein im Grab stehen.

Hochachtung für die Leistung der Ärzte, Verzweiflung und gleichzeitig Wut über die Ignoranz der Leute gegenüber dem Thema Aids, steigen in mir auf. Menschenunwürdig, Aufklärung, Fördermittel, Grundrechte, schreit eine Stimme in mir auf. Es ist nicht so, dass Malawi keine Fördermittel bekommt, nur leider erreicht die betroffenen Einrichtungen nur knapp ein Drittel davon. Was ist mit dem übrigen Geld, frage ich mich? Und wie können Ammenmärchen über die Harmlosigkeit von HIV, trotz Haupttodesursache Aids, noch so viel Bestand haben?

Aids ist wie eine Seuche, nur das keiner mehr vor ihm Angst zu scheinen hat. Was in Malawi die fehlende Aufklärung ist in Europa der Glaube daran, dass niemand mehr an Aids sterben muss. Es gibt doch mittlerweile genügend Tabletten, die das Ausbereiten des HI-Virus im Körper verhindern. Und haben die Forscher nicht erst neulich ein Enzym konstruiert, das das Erbgut des Virus aus der DNS der betroffenen Zellen herausschneidet? Ja und nein! Denn sieht niemand die Nebenwirkungen der Tabletten und keiner, dass noch Jahre der Forschung ins Land gehen werden, bevor man wirklich von einer Heilung von HIV sprechen kann? Aids bleibt nach wie vor noch unheilbar.

Wieso gehen wir so sorglos mit unserer oder letztendlich mit der Gesundheit anderer um? Wie schwer kann es sein, sicher zu verhüten, wenn schon die moderne Zeit oder polygame Kultur häufig wechselnde oder mehrere Geschlechtspartner zulassen? Sichere Verhütung und Vorsorgeuntersuchungen sind zumindest ein Anfang für uns. Selbst wenn HIV in ein paar Jahren wie eine Grippe behandelt werden könnte, sollten wir das Thema nicht einfach abtun, denn woanders und auch hier sterben noch immer Menschen an Aids.

1 Comments:

Blogger ondamaris said...

sehr eindrucksvolle geschichte, die berührend deutlich macht, was aids in afrika anrichtet. 'särge im dutzend billiger' - welch unter die haut gehendes bild ...
http://ondamaris.blogspot.com/

9:28 PM  

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