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Eine Sammlung meiner wirren Gedanken

Mittwoch, Oktober 17, 2007

"Ach, Tauben passen zu Mannheim"

... antwortet Claudi, als ich scherzend vorschlage die Taubenverschläge am Neckar in die Luft zu sprengen, weil ich nicht gerade Sympathie für diese fliegenden Ratten hege. Aber vielleicht hat sie ja recht und Tauben passen einfach zu Mannheim. Mannheim ist nicht gerade eine der schönsten Städte, die ich bis jetzt bewundern durfte. Auch wenn sie zweifelsohne schöne Ecken aufweisen kann, wie zum Beispiel die Universität, die im Schloss untergebracht ist und die Promenade am Rhein. Nicht zuletzt spielt natürlich das Wetter eine entscheidende Rolle bei der Eindrucksfindung, denn in Sonne getaucht erscheinen selbst graue Betonblöcke nett. Trotzdem lässt Mannheim sehr das Grün lebendiger Natur vermissen! Viele Plätze liegen kahl – teilweise sogar ohne Bänke – und wirken wie der symbolisch geöffnete erste Hemdknopf Mannheims, um dem Kragen aus Quadratblöcken Luft zu machen. Nun ja, nicht jede Stadt kann so schön sein wie Lübeck – lach.

Mannheim ist aber durchaus eine Reise wert und das aus gleich mehreren Gründen, wie ich finde. Der erste und wahrscheinlich beste Grund meiner Reise war Claudi (ja, du natürlich auch Luka – auch wenn du eigentlich das Wochenende gar nicht da warst), die jetzt in Heidelberg studiert, was mich gleich zu einem weiteren Grund eines Besuchs bei Claudi und Luka führt, die Nähe zu Heidelberg – aber dazu später. Desweiteren ist Mannheim wie das Narf nur in überdimensional groß, zumindest von seiner Mentalität. Bis auf ein paar ausgewählte Personen versteht es keiner – schwäbisch, türkisch und was auch immer, sein Klima scheint rasend schnell von T-Shirt-warm zu vergessene-Winterjacke-kalt – wie Launen – zu wechseln und die Menschen sind fast alle verrückt! Denn wo sonst wird man an der Ampel in eine Debatte über die Rote Welle verwickelt; von alten Leuten schadenfroh kichernd mit dem Fahrrad auf dem Gehweg überholt, während man selbst ordnungsgemäß an der Ampel hinter dem Bus auf der Straße stehen bleibt; die Ringstraße mit dem Fahrrad entlang sausend von gleich mehreren Personen mit dem Anhalterdaumen winkend und „Taxi“ rufend aufs Korn genommen; in der Disko von unten fotografiert; und von Ratten verfolgt, nachdem man an der Straßenbahn-Station das „b“ für „beschissene“ nächste Bushaltestelle übersehen hat. Bei so viel irrem Wahnsinn kommt man sich selbst bald vor wie ein „Täubchen“.
Ja selbst die Busfahrt nach Mannheim und auch zurück war durch die irren Busfahrer ein Erlebnis (obwohl ich doch lieber meinen Schlaf gehabt hätte, als so alten Säcken bei Telefonaten mit ihren „Kollegaa“ zuzuhören, „Ja, weißt duu“).

Exkurs nach Heidelberg:
Man mag es nicht glauben, aber knapp 30 min von Mannheim entfernt befinden wir uns in einer ganz anderen Welt. Das erste, das mir ins Auge gefallen ist, sind die enormen Menschenmassen. Viele sehr stylistische Leute laufen einem über den Weg. Während man in Mannheim noch den Eindruck hatte, im Lieblingpulli in die Disko gehen zu können, denkt man hier: „Wow, gebt mir Stift und Zettel, das Styling muss ich mir merken.“. Oft hört man auf der Hauptstraße im Altstadt-Kern englische Wortfetzen hinter sich oder kreuzt den Weg asiatischer Touri-Gruppen, die in der nächsten Gasse verschwinden. Während man vor lauter Menschen auf der Haupt-“Einkaufs“-Straße Heidelberg gar nicht mehr sieht, entdeckt man erst durch die weniger gefüllten Gassen, dass man sich nun tatsächlich schon in einer bergigen Landschaft befindet. Bestätigt wird das dann aber erst durch den doch ein kleines bisschen anstrengenderen Aufstieg zum Philosophenweg, der die Anstrengung jedoch mehr als Wert ist, weil man hier Das Heidelberger Postkartenmotiv schlechthin live betrachten darf. Die verwachsenen Treppenstufen hinab zurück in die Stadt haben ihren ganz eigenen heimlichen Scharm. Und auch ein Foto am Fuße des Brückentors mit dem Pavian darf nicht fehlen – obwohl ich doch glaube, dass die meisten Menschen die Skulptur missverstehen. Denn wer sich die „Maske“ des Affen, der uns Menschen einen Spiegel vorhält, „aussetzt“, macht wohl grade das, was der Spiegel ihm zeigen sollte. Er macht sich selbst zum Affen. Zurück in der Altstadt bricht und streut das Licht der Sonne – die während meines Urlaubs nur in der Nacht von unserer Seite wich – so merkwürdig und wunderschön in den alten Gassen, dass ich spätestens jetzt schmerzlich bereute die Kamera meines Vaters vergessen zu haben, denn jede Gasse wäre ein Foto wert. Die bezaubernde Schönheit Heidelbergs wird aber leider sehr von den Menschenmassen und den eigentlich eher ungünstig in die alten Mauerwerke verbannten Ramschläden geschmälert. Ja selbst ein abschließendes Abendessen in einem der zahlreichen, gemütlich alten Restaurants scheint ohne Reservierung nicht möglich zu sein. Und so hat die Schönheit dieser Stadt wohl doch auch ihren Preis. Bevor ich es vergessen, neben all den Attraktionen, die Heidelberg uns bot, ein Besuch auf dem Schloss ist natürlich auch ein Muss, denn der Sonnenuntergang über der von hier doch riesig wirkenden Stadt im Neckartal ist echt atemberaubend. Allein schon wie das Licht der Abendsonne die Ruinen bemalt und sie Schatten auf andere Schlossteile zeichnen lässt ist märchenhaft. Bei heimlichen Blicken durch die alten Bleigrasfenster in einen festlich geschmückten Saal, ist es gar nicht mehr schwer von Prinzen auf weißen Rössern und Königsbällen mit fröhlicher Musik und leckerem Essen zu träumen.
Ich könnte noch stundenlang weiterschwärmen, doch das würde mein Fernweh nur verschlimmer. Ich hätte es nie gedacht, aber Heidelberg muss man gesehen haben!
Und plötzlich gefällt mir sogar der Gedanke, vielleicht einmal hier, so weit weg von meinem geliebten Mecklenburg, zu studieren.

Alles in allem haben wir in den 4 Tagen meines Aufenthalts sehr viel gelacht und hatten eine Menge Spaß! Vielen Dank an Claudi (und Luka) für die schöne, spaßige Zeit! Ich komme euch bestimmt bald wieder besuchen!

Sonntag, Oktober 07, 2007

Das verlorene Gefühl

Hab dich gefunden und war glücklich,
hab dich verloren und bin traurig!

Was war passiert, wieso bist du abgehauen?
Ohne dich bin ich nur noch halb, vielleicht nicht mal mehr halb.
Denn du hast mich ausgefüllt, du warst der Klacks Sahne auf meinem Kuchen, die Milch in meinem Cappuccino, das „mh“ meiner Zufriedenheit. Und jetzt bist du einfach weg.

Erst habe ich gar nicht bemerkt, dass du mich verlassen hast. Es war nur irgendwie alles anders. Doch dann ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, du fehltest!
Ich habe dich gesucht, hier, dort, sogar bei ihnen, aber du bliebst verschollen.
Ich vermisse dich, sehr sogar. So sehr, dass ich mit dem Gedanken spiele, ganz aufzuhören.
Was bringt das alles noch? Ich laufe auf der Stelle, während alle anderen mich überholen, meine Freunde, meine „Feinde“. Du bist weg, sie sind weg, wozu also noch weiterrennen ohne Ziel?
Ich war nie ein Freund von Laufbändern, meine Welt muss sich verändern und als du noch da warst hat sie das auch. Aber jetzt bist du weg und ich weiß nicht einmal, warum du mich verlassen musstest.

Aber vielleicht ist es wirklich an der Zeit für mich „Auf Wiedersehen!“ zu sagen.

Im Dutzend billiger!

Ob so etwas wohl auch auf den Werbeplakaten – oder viel mehr bemalten Pappkartons – auf Afrikas berüchtigtster Straße steht?

Als Flaniermeile kann man sie nun wahrlich nicht bezeichnen, aber trotzdem reiht sich hier Geschäft an Geschäft. Die Sonne brennt heiß auf den staubigen Weg, durch das belebte Treiben über ihm wird Sand aufgewirbelt. Asphalt gibt es hier nicht. Wir treffen auf einen Mann, Mitte 30, ungewöhnlich gut genährt, der uns durch seine Werkstatt führt. Stolz erzählt er, wie gut sein Geschäft läuft. Im ersten Moment klingt das toll, denn Malawi ist eines der ärmsten Länder der Welt – sein Prokopfeinkommen beträgt unter einem US-Dollar pro Tag. Hochgerechnet auf ein Jahr sind das nicht einmal 260 Euro . Er zeigt uns verschiedene Modelle, von teuer mit vielen Stufen – damit man Gott näher ist – bis schlicht und günstig. Er versucht sein Lächeln zu verbergen – mit mäßigem Erfolg. „An Tagen wie diesen verkaufe ich einen, maximal zwei. In der Regenzeit sind es mehr, bis zu fünf täglich!“

Nein, er ist kein gewöhnlicher Verkäufer und er handelt auch nicht etwa mit Designer-Regenschirmen. Er verkauft Särge und sein Geschäft ist der Tod. Je mehr Menschen sterben, umso besser sein Umsatz. Noch immer fällt mir sein glücklicher Blick auf, während er versucht ernst zu wirken. „Die meisten sterben hier an Aids!“, erzählt er uns und tatsächlich liegt die Rate der HIV-positiv getesteten Menschen mittlerweile zwischen 30-55%. Die Realität lässt noch Schlimmeres erahnen, denn in den Krankenhäusern Malawis fehlt es bereits an dem Nötigsten, da sind Bluttests rarer Luxus. Doch das größte Problem ist wohl die fehlende Aufklärung und die zahlreichen Irrglauben, die HIV wie ein Märchen verharmlosen.

Malawi hat einen hohen Anteil an Landbevölkerung und auch Mobilität ist Luxus. Für viele, die krank in die Hauptstadt Lilongwe kommen, endet die Reise in der „Sargstraße“, die nicht von ungefähr ihren Namen trägt. Am Ende dieser Straße steht ein Krankenhaus. Eines der vielen unterversorgten Krankenhäuser der Dritten Welt, in dessen Fluren es nach einer Mischung aus Krankheit, Schweiß und mitgebrachten Essensdämpfen riecht. Natürlich ist das Personal überfordert. Ein Arzt auf tausende Menschen und jeder Kontakt, eine Gefahr sich selbst zu infizieren. Blutspenden von aufgetriebenen Verwandten und Selbstversorgung stehen auf der Tagesordnung. Da fragt niemand nach Aids.

Wie eine Verhöhnung der Menschenrechte scheint es da, dass gleich neben dem Krankenhaus eine Forschungsstation, hochklimatisiert, höchstgeradig steril, ja einfach mal wesentlich besser versorgt seien soll. Sie forschen an Aids-Kranken, Menschen, die noch nicht der Sargstraße zum Opfer gefallen sind, aber quasi schon mit einem Bein im Grab stehen.

Hochachtung für die Leistung der Ärzte, Verzweiflung und gleichzeitig Wut über die Ignoranz der Leute gegenüber dem Thema Aids, steigen in mir auf. Menschenunwürdig, Aufklärung, Fördermittel, Grundrechte, schreit eine Stimme in mir auf. Es ist nicht so, dass Malawi keine Fördermittel bekommt, nur leider erreicht die betroffenen Einrichtungen nur knapp ein Drittel davon. Was ist mit dem übrigen Geld, frage ich mich? Und wie können Ammenmärchen über die Harmlosigkeit von HIV, trotz Haupttodesursache Aids, noch so viel Bestand haben?

Aids ist wie eine Seuche, nur das keiner mehr vor ihm Angst zu scheinen hat. Was in Malawi die fehlende Aufklärung ist in Europa der Glaube daran, dass niemand mehr an Aids sterben muss. Es gibt doch mittlerweile genügend Tabletten, die das Ausbereiten des HI-Virus im Körper verhindern. Und haben die Forscher nicht erst neulich ein Enzym konstruiert, das das Erbgut des Virus aus der DNS der betroffenen Zellen herausschneidet? Ja und nein! Denn sieht niemand die Nebenwirkungen der Tabletten und keiner, dass noch Jahre der Forschung ins Land gehen werden, bevor man wirklich von einer Heilung von HIV sprechen kann? Aids bleibt nach wie vor noch unheilbar.

Wieso gehen wir so sorglos mit unserer oder letztendlich mit der Gesundheit anderer um? Wie schwer kann es sein, sicher zu verhüten, wenn schon die moderne Zeit oder polygame Kultur häufig wechselnde oder mehrere Geschlechtspartner zulassen? Sichere Verhütung und Vorsorgeuntersuchungen sind zumindest ein Anfang für uns. Selbst wenn HIV in ein paar Jahren wie eine Grippe behandelt werden könnte, sollten wir das Thema nicht einfach abtun, denn woanders und auch hier sterben noch immer Menschen an Aids.