Der Kampf gegen das Vergessen
Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich es liebe, meinen Gedanken – so blöd sie manchmal auch seien mögen – in schriftlicher Form Ausdruck zu verleihen, gefällt mir auch der Hauch von Ewigkeit, den jedes niedergeschriebene Wort an sich trägt. Tagebücher, kleine Briefchen oder eben einfache, kleine Geschichten sind Zeugen unseres Ichs. Und wenn sie nach Jahren wieder ans Tageslicht treten, ist es als würde man einen Schatz in Händen halten. Den Schatz der Erinnerung.
In Rendezvous mit Joe Black spricht der Tod mit einer alten Frau, die zunächst Angst vor ihm hat, ihn dann aber bittet sie von ihren Schmerzen zu erlösen. Und mitten in diesem Gespräch über Leben und Sterben, sagt sie, sie habe genug Erinnerungen gesammelt, die sie mit hinüber nehmen könne. Es ist interessant, das Leben als Möglichkeit zu betrachten, Erinnerungen zu sammeln und traurig, wenn man Dinge, an die man sich gerne erinnern möchte, vergisst. Sicher, man kann sich einfach nicht an alles erinnern und manchmal möchte man das auch gar nicht, aber sehr oft passiert es mir, dass ich Dinge vergessen, die wichtig für mich sind und die niemand mir je wieder geben kann.
So wie die Erinnerung an meinen Opa. Okay, ich war 11, als er starb und es ist ganz logisch, dass ich mich nicht mehr so gut an in erinnern kann, aber alles was ich noch über ihn weiß, passt in eine kleine gelbe Schachtel mit runden, durchsichtig grün glänzenden Kapseln, die er gegen irgendetwas nehmen musste und um die ich ihn immer beneidete, weil sie sehr lecker aussahen. Wenn ich meine Mam frage, wie er, wie sein Leben war, endet unser Gespräch meist mit einem bedauernden: „Ich bereue, dass wir es nie aufgeschrieben haben. Er hat so viel erlebt, das es Wert ist, davon zu erzählen, doch jetzt ist es zu spät!“. Meine Oma kann sich nicht einmal mehr an ihr eigenes Leben erinnert und versucht ihre Scharm, über das Vergessen, mit einem Grinsen und Achselzuger zu vertuschen.
Ob ich ihm wohl sehr ähnlich bin? Ob er wirklich der Mann war, zu dem ich ehrfürchtig aufblicke? Ich vermisse ihn und hätte ihn noch gern so viel gefragt, Dinge die mir mit 11 noch nicht wichtig waren, aber heute so viel bedeuten.
Ich schreibe nicht für eine Allgemeinheit, nicht einer politisch oder gesellschaftlich wertvollen Meinung wegen. Es ist mir auch nicht wichtig, dass man mich für das, was ich schreibe bewundern soll. Ich schreibe, weil ich keine Erinnerung missen mag und nicht nur ich mich später an mich erinnert möchte, wenn ich alt und grau und bestimmt noch vergesslicher als jetzt bin, sondern auch damit sich andere an mich erinnern, andere denen es wichtig ist zu erfahren, wie ich bin.
