Zeitloser Schnee
Vom Himmel fallend hüllt Flocke für Flocke des sacht rieselnden Schnees das Land in einen süßen Schlaf. Einen Schlaf, der die Zeit zum Stehen bringt und mich von Dingen träumen lässt, deren Erinnerung nicht die meinen sind.
Ein leises Krähen drang in sein Ohr und er atmete tief durch, die Augen noch geschlossen. Er fühlte, wie warm das Blut durch seinen Körper strömte. Die Bettdecke ruhte sanft über seiner Gestalt. Sein erster Gedanke galt ihr. Er wagte noch immer nicht die Augen zu öffnen, also tastete er zögernd zur Seite. Da war sie. Ihre warme zarte Hand ergreifend füllte auch ihr Körper sich wieder mit Leben. Er drehte seinen Kopf zur Seite und sah sie an. Wie schön sie doch ist, dachte er und strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Doch alt war sie geworden, genau wie er. Dann öffnete auch sie die Augen und lächelte ihn an. Einen Moment lang war es wie früher, kurz nachdem sie sich kennen gelernt hatten. Liebevoll fragte sie: „Schatz, lässt du die Hühner raus?“. Ihren Blick noch immer gefangen, schlug er langsam die Bettdecke zurück und richtete sich auf. Kalt kroch die Luft seine Beine hinauf. Selbst nach so vielen Jahren spürte er noch den Schmerz in seinem Oberschenkel. Er zog seine Alltagskleidung über und ging bedächtigen Schrittes durch das Haus, schlüpfte in seine Schuhe und öffnete die Tür zum Hof. Alles was seine Augen betrachteten, war weiß. Es musste die ganze Nacht lang durch geschneit haben, denn die Schneedecke schien schon einige Zentimeter dick zu sein. Nicht die Kälte, sondern die Stille war es, die ihm einen Schauer über den Rücken trieb. Wie friedlich doch die Welt erschien, wenn nur ein wenig Schnee ihr Antlitz verhüllte. Toppi, ein alter zersauster Kater, stapfte durch den Schnee direkt auf ihn zu. Mit einem quäkenden Miauzen begrüßte er seinen alten Herren. „Na du? Dann wollen wir mal die Tiere füttern!“, sagte er und streichelte Toppi über den Kopf. Nun stapfte auch er durch den Schnee, ging durch die Pforte zum Hühnerhof, öffnete den Schafstall, gab den Schafen getrocknetes Heu vom vergangenen Sommer, verstreute Korn über der Futterstelle für die Hühner und öffnete dann den Hühnerstall. Selbstverständlich war es der bunte Hahn, der ihm als Erstes entgegenstolzierte und die Hennen folgten ihm. Er ging in den Stall, schaute in jedes Netz und steckte die gelegten Eier in seine Jackentasche. Als er die eine Stufe zum Hof wieder hinausstieg und die Hühner so friedlich nach Korn picken sah, wurde ihm ganz warm ums Herz. Er vergoss eine stille Träne. Es war vorbei, er war endlich zu Hause.

